Der verlorene Ingenieur im Bermudadreieck Spannung-Festigkeit-Steifigkeit Gesellschaft

In dem Bermudadreieck Spannung, Festigkeit und Steifigkeit hat sich schon so manch ein erfahrener Ingenieur um Kopf und Kragen geredet. Hier schieben sich die Kontinentalplatten Mechanik, empirische Festigkeitslehre und Konstruktion unheilvoll aufeinander.

Ich habe am Institut eine kleine Befragung durchgeführt und meine Kollegen gebeten, in dem Kontext: Ein Ingenieur berechnet ein Bauteil, mit den drei Begriffen Spannung, Festigkeit und Steifigkeit sinnvolle Sätze zu bilden. Die nicht evidente Vermutung, die mich zu diesem Artikel veranlasst hat, war erstaunlicherweise sogar dabei.

Für mich sind die Begriffe Synonyme.

Der Kollege sagte das mit einem Lächeln, aber auch mit einem anprangernden Unterton. Er bereitete sich gerade auf eine Hörsaalübung mit der Thematik Wälzlagerberechnung vor und sah sich durch sein eigenes Studium als Hamburger Wirtschaftsingenieur scheinbar nicht ausreichend auf diese Lehrtätigkeit vorbereitet.

Drei Kollegen aus dem Fahrzeugbau mussten einen Augenblick überlegen und antworteten dann stichpunktartig etwa folgendes.

Für die Festigkeit muss geprüft werden, ob der Spannungs-Grenzwert in einem Bauteil nicht überschritten wird. Die Steifigkeit ist eine Materialeigenschaft und beeinflusst die Festigkeit. Festigkeit wird durch Werkstoff und Geometrie bestimmt. Steifigkeit wird ebenfalls durch Werkstoff und Geometrie bestimmt … bei höheren Steifigkeiten resultieren höhere Spannungen und umgekehrt.

Zwei Kollegen aus dem Maschinenbau antworteten kurz:

Für die Festigkeit eines Bauteils dürfen die auftretenden Spannungen nicht zu hoch sein. Wenn das Bauteil nicht steif genug ist, kann es passieren, dass die Eigenfrequenzen und damit das Schwingungsverhalten Probleme bereitet.

Alle drei Dinge interessieren mich bei der Berechnung eines Bauteils: Spannung sagen mir, wie stark mein Bauteil belastet wird, die Festigkeit sagt mir, wie hoch die maximale Belastung sein darf und die Steifigkeit sagt mir etwas über die Verformbarkeit.

Ich würde unter den Ingenieuren in Bezug auf Strukturberechnungen ganz grob drei Lager ausmachen.

  • »Nicht mein Gebiet, irgendetwas mit Berechnung«
  • »Einmal kurz überlegen, das hatte ich doch im Studium …«
  • »Was willst du genau wissen? Ich kann dir dazu etwas in dem Kontext sagen, in dem ich gerade arbeite.«

Das ist jetzt natürlich keine große Erkenntnis, entweder man verwendet das im Studium gelernte im Späteren und kann spontan antworten oder man muss sich an sein Studium erinnern. Allerdings sorgt das Selbstverständnis der ersten Gruppe bei mir für ein unverständliches Stirnrunzeln.

Diese Gruppe verkörpert eine neue Art von Ingenieurgeneration, die gerne Studiengänge abseits der Klassiker Maschinenbau, Bauingenieurswesen und Elektrotechnik studiert und damit neue Nischen erobern will. Hier herrscht das Credo: »Berechnung ist etwas, das Berechnungsingenieure machen. Wenn ich jemanden brauche, der hierüber reden muss, suche ich mir diesen Spezialisten.« Gerade der Wirtschaftsingenieur sieht sich eher als Generalist und als Vermittler zwischen den Welten. So wie ein Verfahrenstechniker zwischen Chemie und Anlagentechnik vermittelt, sieht ein Wirtschaftsingenieur sich als Vermittler der stereotypen Bausteine für ein wirtschaftlich geführtes Industrie-Unternehmen. In ihnen vermenschlicht sich ein uralter Konflikt. Während die Betriebswirte dem einen Gott des Kapitalismus huldigen, beten die Ingenieure in den pluralistischen Tempeln der verschiedenen Technikzweige. Der Wirtschaftsingenieur sagt nun in seiner Torheit: Es gibt zwar nur den einen Gott des Geldes und alle sollten zu ihm beten, aber das geht am Besten, wenn das in den verschiedenen Techniktempeln getan wird.
Nun war es ja schon zu meiner Zeit so, dass die Ingenieursausbildung zunehmend »erweitert« wurde und z.B. Betriebswirtschaft und Arbeitsrecht im Studium enthalten waren, heutzutage kommen vermehrt Fächer wie Qualitätsmanagement dazu. Niemand hat zu meiner Zeit bestritten, dass es sinnvoll ist, sich in anderen Fachbereichen auszukernen, mit denen man im späteren Berufsleben in Kontakt kommt. Doch die ambivalente Reaktion zu den Vorlesungen war, zumindest meinerseits, Spott und Ärger für das sinnlose auswendig lernen von willkürlichen Dingen und Freude über die leichten Klausuren.
Mein BWL-Dozent war ein Pseudo-Wissenschaftler/Manager-Typ, der nicht wusste, wovon er redete, aber sich nicht scheute, nach den üblichen Phrasen der Betriebswirtschaft ausgiebige Monologe über das Buch »Das Ende der Arbeit« von Jeremy Rifkin zu halten. Liebe Dozenten, man merkt es, wenn ihr von etwas redet, von dem eure eigene Erfahrung nur darin besteht, darüber etwas gelesen zu haben. Wenn ein gestandener Ingenieur über die Feinheiten der Maschinendynamik berichtet, weil er über Jahrzehnte Berechnungen durchgeführt hat, ist das etwas anderes, als wenn jemand den Inhalt von vier Sachbüchern aufwärmt. Das gilt natürlich unabhängig von »erweiterten« Fächern ganz allgemein. Im Gegensatz zu dem zu bemitleidenden BWL-Dozent war mein Jura-Dozent ein gestandenes Arschloch, der unverblümt behauptete, dass Ingenieure, wie alle Anderen, die heimlichen Sklaven der Juristen sind, aber eigentlich die liebsten, da sie treudoof und naiv sind, und so, wenn es hart auf hart kommt, von den Juristen mit Leichtigkeit fertig gemacht werden können. Er war aber nicht aus diesem Grund ein Arschloch, denn wahrscheinlich hatte er einfach nur Recht. Er war ein Arschloch, weil er ständig Aufgaben stellte, wie die Urlaubstage der türkischen Putzfrau Özgün zu berechnen sind, die fristlos wegen Diebstahl aus dem Mülleimer entlassen werden sollte. Er machte sich lustig, dass Ingenieure ja immer was zum Berechnen brauchen, da sie sonst gar nicht mit einer Vorlesung klarkommen würden und den Sinn in ihr nicht verstehen würden. Leider hatte er wohl auch damit recht, aber ich weiche vom Thema ab.

Warum reagiere ich eigentlich so ärgerlich auf Ingenieure, die freimütig mit der Ingenieurskunst nichts zu tun haben wollen, aber sich doch gerne Ingenieur nennen wollen. Ich versuche, das einmal zu reflektieren. Zunächst bin ich ganz und gar nicht verärgert, dass sie sich um die mathematisch anspruchsvollen Kernfächer der Mechanik, Thermodynamik, Werkstoffkunde, Regelungstechnik, etc. herummogeln können, während ich es musste. Ich habe das schließlich gerne gemacht. Der Hamburger Wirtschaftsingenieur hat sehr gute Absolventen, die von der Industrie mit Sicherheit gerne genommen werden. „Sehr gut“ nicht im Sinne der Ausbildung, sondern einfach nur wegen ihrer Persönlichkeiten und ihrem Engagement. Es geht mir um das Berufsgefühl, ein Ingenieur zu sein. Es geht mir um den Unterschied zu einem, der zwar eine Ingenieursausbildung genossen hat, aber nun z.B. ein Produkt- oder Projektmanager ist.

Des weiteren muss ich mir schmerzhaft eingestehen, dass es heutzutage wirklich so etwas wie die Spezialisierung des Berechnungsingenieurs gibt, zumindest wenn man den Stellenanzeigen glaubt. Es wird also überhaupt nicht mehr erwartet, dass ein Ingenieur rechnen kann. Doch ohne Rechnen versteht man die physikalischen und technischen Prinzipien leider ebenfalls nicht. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich, bis auf die erwähnten Ausnahmen, im Studium nichts anderes gelernt, als Dinge zu berechnen, aber ok. Mit der Vertiefung Entwicklung und Konstruktion wurde ich wahrscheinlich, ohne es zu bemerken, zu einem Spezialistentrottel ausgebildet, über den Juristen lachen. Dabei wollte ich immer nur ein guter Ingenieur werden, der sich in alles einarbeiten und mit allen Anderen im industriellen Umfeld kommunizieren kann. Das Studium brauchte ich, um die häufig nicht intuitiven, physikalischen Prinzipien zu verstehen und auf raffinierte Weise für die Menschen nutzbar zu machen. Aber ich wurde scheinbar um Jahre zu spät geboren.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was man statt physikalischer Konzepte alternativ auf technische Probleme anwenden kann. Andere können sich das scheinbar ohne größere Probleme vorstellen: Qualitätsmanagementmethoden wie Six-Sigma zum Beispiel. Diese Geldverbrennung habe ich schon so oft scheitern sehen, dass der Funke jeder Aufregung darüber in mir inzwischen erloschen ist.
Irgendwann scheint jemand auf die Idee gekommen zu sein, dass Methoden, die man in einer Woche auf einem Lehrgang lernen kann, physikalisch-technisches Verständnis ersetzen kann, das man sich mühsam über Jahre, wenn nicht sogar über Jahrzehnte erarbeiten muss. In Qualitätsmanagement bekommt man eine 3 in der mündlichen Prüfungen für die Einsicht, dass Prozesse streuen, eine 2, wenn man die Standardabweichung mit den Sigma-Werten richtig verknüpft und einen verachtenden Blick, wenn man erklärt, dass die Annahme einer Normalverteilung zunächst einmal geprüft werden muss, da sonst alle Überlegungen ungültig sind. „Das darf halt nicht sein, denn sonst funktioniert die Methode ja nicht.“
Aber wer will das schon Hören in einer Zeit, in der alles standardisiert und austauschbar sein muss, in der technisches Verständnis und komplizierte Mathematik automatisiert in Software-Programme geschmiedet ist, in der ein Sachbuch sofort verstanden werden muss und deshalb jeder Dozent dieser Thematik werden kann, in der die hohe Weisheit darin besteht, den Studierenden den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität nahe zu bringen.

Mir stellt sich die Frage, ob ein Ingenieur sich aus seinem Selbstverständnis überhaupt noch als Ingenieur sehen kann, wenn er sich eingesteht, dass sein physikalisches Verständnis nicht mehr ausreicht, um sich in physikalische Probleme einzuarbeiten und er die Lösung bei Anderen sieht und von vorneherein nicht daran denkt, die eigenen Ärmel hoch zu krempeln.

Als Drittes muss ich mir eingestehen, dass die Ingenieursstudiengänge neben dem wissenschaftlichen Fortschritt in der Technik immer mehr auch an die wirtschaftliche Realität angepasst werden. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied. Technischer Fortschritt lässt sich recht gut identifizieren. Aber gibt es überhaupt so etwas wie wirtschaftlichen Fortschritt? Die Studiengänge passen sich höchstens einer soziologischen Realität an und zementieren diese. Doch die Wirtschaft ist der Mode unterworfen und nicht der unabänderbaren Physik. Selbst ein Modedesigner beschäftigt sich mit verschiedenen Stilistiken und erlernt nicht nur die Schnitte und Materialien der aktuellen Mode.

Ich prophezeie folgendes Szenario: Es gibt immer mehr und mehr Produkt- und Projektmanager, die eigentlich lieber Methodik, Struktur, Organisation, Verwaltung und Kommunikation in einem zentralen Studiengang »Management« studieren sollten, als sich mit Physik und Rechnen zu befassen. Jemand, der in einem Filmverlag oder einer Marketingagentur arbeiten kann, kann genau so gut in einem Industriekonzern arbeiten. Wenn dieser Produktmanager auf technische Problem stößt, wird er intuitiv immer sagen: »Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wo ist der Experte, der mir das ändert«, denn in ihrem soziologischen Denken regiert der Mensch, nicht die Physik. In ihrem Denken sind der Mensch, die Methode und die Struktur bei technischen Problemen anzupassen. Und da man von sich zu gerne auf andere schließt, werden diese neuen Ingenieure dieses Denken, mangels physikalischer Durchdringung, auch auf technische Probleme anwenden. Ihnen den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität vor Augen zu führen, kann man sich dann sparen. Ihnen zu erklären, dass der Strom in einem Kühlschrank in wesentlich mehr Wärme als in die erwünschte Kälte umgewandelt wird, auch.
Das macht aber nichts, denn der Produktmanager wird früher oder später merken, dass das Management-Denken unserer Zeit das Schnittmuster einer Hose ist, die außer Mode gekommen ist.

Der verlorene Ingenieur im Bermudadreieck Spannung-Festigkeit-Steifigkeit
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Comments

  1. Eine sehr genau, wie ich finde, Reflexion des heutigen Ingenieurs. Auch ich musste während des Studiums(Maschinenbau) feststellen, dass nur der Titel Ing. von Interesse ist, weil er ja gut bezahlt wird und nicht das Verstehen von physikalisch-technischen Zusammenhängen. Leider wird man sich mit dieser Meinung schnell unbeliebt machen, da viele Ingenieure zu Projektmanagern mutieren. Trotzdem sollte man nicht aufhören diese Entwicklung kritisch zu beobachten.

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