Worldcubes und G-Zones Storytelling

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich andere Wohnräume als heute. Die Menschen entfernen ihre spießigen Sofas und auch sonst alles aus dem Wohnzimmer, was an die Generation der mobilen App-Eltern erinnern könnte, verdunkeln die Fenster und versehen den Raum mit jeder Menge Technik, einem druckempfindlichen Boden, drei duzend Super-Sourround Lautsprechern, einem Multibody-Trackingsystem und Laserprojektoren in allen Ecken. Alles ist so unscheinbar integriert, dass nichts von der Ästhetik eines Holodecks ablenkt. Sobald die Brille eingeschaltet wird, verdunkeln sich die „Tron“-artigen Leuchtstreifen in den Wänden und die hybride Technik aus Brille und Laserprojektoren generiert die Welt im Wordcube. Man sieht, wie ein Godzilla (Baujahr 1983) behäbig ein Pappmaschee-Tokyo dem Erdboden gleichmacht. Dann geht man selbst als Godzilla ans Werk und stampft durch die Straßen, frisst Menschen, lässt Züge entgleisen, verheddert sich in Stromleitungen, wirft mit Autos nach Kampfjets und zerstört am Ende ein Kraftwerk per Energiestrahl. Ein Algorithmus ermittelt aus den Tracking- und Spieldaten, wie gut man den 80er Jahre Godzilla nachahmen konnte. Bis zum Trash-Oscar-Finale der Produktion ist es zwar noch ein weiter weg, doch der Motorik-Skuill wurde fürs erste genug trainiert. Dann geht es weiter zum Programm zur Optimierung des Rhetorik-Skuills. Man verhört in einem CIA-Zimmer einen Terroristen. Doch die Information, wo sich die Kryptozerfallsbombe aufhält, ist nicht so leicht aus ihm herauszubekommen. Es ist zeit, sich mit dem Agenten im verdeckten Außeneinsatz abzustimmen.

Zur Erholung vom Humanizing verlässt man den Worldcube und begibt sich in die G-Zone. In der Hängematte liegend sieht man dem Morph-Bot zu, wie er in dem 50 qm großen Biotop Erdbeeren pflückt und daraus einen frischen Smoothie zubereitet. Und während man dem Treiben so zusieht, überlegt man sich, ob man nicht vielleicht H-Bot-Engineering im Humanizing-Lehrplan aufnehmen sollte, denn langsam verliert man sein Interesse an Rhetorik und verzeichnet kaum noch eine Skuill Steigerung.

  • Worldcube: Ein fensterloser, komplett digitaler Raum. Ersetzte das klassische Wohnzimmer in seiner typischen Sofa-Flachbildschirm Konfiguration.
  • Humanizing: Den Menschen mittels Technik menschlich machen. Im Gegensatz zur formalen Bildung, die den Menschen mittels Technik technisch macht.
  • Skuill: Fähigkeit eines Menschen, die durch Humanizing erzeugt wird. Wortspiel das darauf abzielt, eine Fähigkeit (skill) in den Schädel (skull) zu bringen.
  • Morph-Bot: Eine mechantronisch interagierende Ausgliederung des Home-Net. Ein sich selbst durch Instant-Prototyping nach den aktuellen Anforderungen evolutionär optimierendes System. Eine von Künstlern bevorzugte Technik, die als schick gegenüber einer humanoiden Roboterapplikation, einem H-Bot, gilt aber im Vergeich sehr fehleranfällig ist, worin der Charme dieser Technik gesehen wird.
  • Cube: Ein autarkes, abgeschottetes System, vorzugsweise in einem gewöhnlichen viereckigen Raum, der das Individuum vom Rest der Welt trennt.
  • G-Zone:  Ein Biotop, ursprünglich eine Abkürzung von green zone (grüne Zone), heute aber zweideutig als Anspielung auf eine erogene Zone verwendet, in der man glücklich mit Freunden, Familie oder auch alleine seine Zeit verbringen kann. Gilt als das soziale Statussymbol schlechthin und ist häufig ebenfalls als Cube konzipiert.
  • Kryptozerfallsbombe: Eine katastrophale Waffe, die die Cubes bedroht. Ein Algorithmus-Container, in dem eine Kryptozerfallsstruktur eingesperrt ist, die evolutionär als emergentes Phänomen aus sich selbst erzeugenden Code entstanden ist.

Wortschöpfungen sind immer ein Ausdruck eines Fortschrittwillens. Irgendwann sind bestimmte Begriffe überstrapaziert und kommen aus vielfältigen Gründen aus der Mode. Irgendwann wird jeder Begriff, der einmal im Geiste des Fortschritts stand, zum Inbegriff eines geistigen Stillstands. Ein neuer Denkstil etabliert neue Worte und Formulierungen und distanziert sich damit von vorherigen Denkstilen und Begriffen. Human-Ressource-Development steht z.B. für die Idee, erfolgreiche Markttheorien wegen des Erfolges auf andere soziologische Systeme erweitern zu wollen. Doch wer will darüber schon etwas lesen. Mein kleiner Erzählstil geht folgendermaßen. Man denke sich ein Wort aus, das für etwas steht, das man gerne hätte. Man formuliert es so, als wenn man aus der Zukunft den Unterschied zur Gegenwart beschreibt und umgekehrt, so als ob die neumodischen Begriffe und Techniken unserer Zeit bereits veraltet sind. Man erklärt subtil ironisch, was gegenwärtige Ideen aus einer utopischen Sciencefiction-Perspektive bedeuten. Der Erzählstil umfasst die Beschreibung eines Szenarios unter Verwendung von Wortneuschöpfungen, die im Anschluss fiktiv im Stil eines Lexikons erklärt werden und so erst die Bedeutung des Textes vervollständigt wird. Ein bisschen wie ein mentales Assoziationsrätzel mit Metaebene, die eine verschlüsselte Kritik enthält.

Ein weiteres Beispiel:

Der Ausdruck „einen Kollegen unterstützen“ stammt aus der politischen Technik zur Optimierung von Emotionen während einer menschlichen Kommunikation. Dem Arbeiter wird nicht im Push-Prinzip befohlen, etwas zu tun, sondern seine Unterstützung wird im Pull-Prinzip angefordert. Es handelte sich um eine rhetorische Technik, mit der ein Arbeitszwang als humane Freiwilligkeit deklariert wird. Der Ausdruck wurde bekannt als klassisches Beispiel für die dissonante Übergangszeit des vergangenen work age (Arbeitszeitalter) ins aktuelle H-age (Humanzeitalter).

 

 

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