Kann man sich das Unvorstellbare vorstellen? Erkenntnistheorie

Es geht um eine besondere Problemklasse der Erkenntnistheorie, die alternativ über viele weitere Formulierungen beschrieben werden könnte –  z.B.: Wer definiert, dass Sprache etwas definiert? Es geht um selbstbezügliche Gedankengänge, die ich mit Methoden aus meinem Buch Die Entfesselung des Schöpfers untersuchen werde. Es ist also eine Art DLC für die Reise in den eigenen Verstand

Wo liegt das Problem in der Frage, ob man sich das Unvorstellbare vorstellen kann? Unvorstellbar wird begrifflich als das Gegenteil von vorstellbar aufgefasst. Man geht üblicherweise davon aus, dass etwas nicht Teil und Gegenteil sein kann. Man befindet, dass es eine unsinnige Frage ist und verneint sie intuitiv: Unvorstellbar ist eben un(!)vorstellbar und deshalb nicht vorstellbar, darin liegt ja schließlich der Sinn des Wortes, oder so ähnlich.

Diese Argumentation verwendet jedoch die gleiche Selbstbezüglichkeit, die abgelehnt werden soll. Man versucht, eine sprachlich unsinnige Frage durch eine ebenso sprachlich unsinnige Argumentation zu begründen. Wie müsste die Frage abgeändert werden, damit keine Unsinnigkeit vorliegt? Damit die Frage nicht unsinnig ist, darf unvorstellbar nicht das Gegenteil von vorstellbar sein. Ich isoliere gedanklich die Vorstellung, was Gegenteil bedeutet, so dass der Begriff des Unvorstellbaren nicht mehr das Gegenteil des Vorstellbaren ist und damit die Unsinnigkeit eliminiert ist. Zur Isolation des Gegenteils ersetze  ich das Unvorstellbare durch ein beliebiges Wort. Die Frage lautet nun: »Kann man sich das Balalupo vorstellen?« Es scheint, als ließe sich diese Frage prinzipiell besser beantworten, natürlich unter der Bedingung, dass man weiß, was Balalupo bedeutet. Aber wenn dem so ist, könnte ich auch fragen: Was bedeutet das Wort unvorstellbar und die ursprüngliche Frage: »Kann man sich das Unvorstellbare vorstellen?«, wäre genau so einfach zu beantworten, wie die Frage nach der Vorstellung des Balalupo. Ohne die gedankliche Verknüpfung eines anderen Modells rutscht man ins Triviale ab. Ich kopple nun jedoch in die bewusst geschaffene Verständnislücke, in der vorher das Modell Gegenteil angekoppelt war und an der nun provisorisch die Frage nach der begrifflichen Bedeutung des Unvorstellbaren hängt, ein anderes Modell an. Ich überlege nicht, ob ich mir in diesem Moment oder überhaupt einem Moment das Unvorstellbare vorstellen kann, sondern sehe die Vorstellung des Unvorstellbaren als zeitlichen Prozess.

  • Kann man sich vorstellen, dass man sich etwas momentan Unvorstellbares in Zukunft vorstellen kann?

Kaum habe ich ein Verständnis von Zeit ins Denken mit einbezogen, erziele ich einen anderen Befund und zwar, dass es doch nicht so unsinnig sein könnte. Es kommt einem fast schon wie eine andere Frage vor, ist es aber nicht. Es ist immer noch die Frage: »Kann man sich das Unvorstellbare vorstellen?«

Der Umgang mit Selbstbezüglichkeiten läuft wie folgt. Man koppelt gewisse Verständnisse (gedankliche Modelle) durch streng dichotome Modellierung ab, wodurch zunächst der Sinn verloren geht und koppelt an diese Lücke nun andere Modelle an, die sich wie magnetisch in die freigelegte Lücke ziehen.

Mit dem zeitlichen Kontrast finde ich einen Weg, mit der vorstellbar und unvorstellbar in einer Facette das gleiche und in einer anderen Facette das Gegenteil sind. Die Zeit ändert das Teil zum Gegenteil, wie zwei Mannschaften auf einen Spielplatz, die mal Angreifer und mal Verteidiger sind. Aus Sicht der einen Mannschaft liegt gerade ein Angriff vor, aus Sicht der anderen Mannschaft eine Verteidigung. Dann ändert sich im Laufe des Spiels der Angriff zur Verteidigung. Eine Mannschaft ist sowohl Angreifer als auch Verteidiger, nur nicht zugleich.

  • Ein Gedanke kann Teil und Gegenteil zugleich sein, wenn man die Zeit ins Denken einbezieht.

oder anders herum

  • Ein Gedanke kann Teil und Gegenteil zugleich sein, wenn man die Zeit aus dem Denken eliminiert.

Aber welche der beiden Aussage ist nun richtig?

Die Vorstellung, dass zunächst ein zeitlicher Prozess ins Denken mit einbezogen wird und dann ein Gedanke Teil und Gegenteil zugleich sein kann, setzt bereits das Einbeziehen eines zeitlichen Prozesses voraus. Deshalb sind »wenn man die Zeit aus dem Denken eliminiert« und »wenn man die Zeit ins Denken einbezieht« folgerichtig die gleichen Befunde, nur aus verschiedenen Perspektiven. Das Gleiche ist unter Einbeziehung einer Perspektive auf einmal nicht mehr das Gleiche, und anders herum entsteht das  Gleiche als etwas Verbleibendes durch Elimination der Perspektive. In der Mathematik würde man diese Auffassung des Gleichen als Invariante bezeichnen.

Die Perspektive lässt sich ebenfalls als Dichotomie auffassen.

  • Das Gleiche kann unterschiedlich sein, wenn man die Perspektive ins Denken einbezieht.

oder anders herum

  • Das Unterschiedliche kann gleich sein, wenn man die Perspektive aus dem Denken eliminiert.

Im Vergleich zu den vorherigen »anders herum«-Facetten ist ersichtlich, dass es hier nur sinnvoll ist, wenn die Beziehung vor dem Komma vertauscht wird und wichtig, wie das Gedanken(Modell) der Perspektive sprachlich umgesetzt wird, denn sonst würde es heißen: »Das Gleiche kann unterschiedlich sein, wenn man die Perspektive aus dem Denken eliminiert«, was für sich genommen ins Absurde statt ins Triviale führt.

Ich kann feststellen, dass es aus einer zeitlichen Perspektive durchaus möglich ist, dass man zu einer neuer Erkenntnis gelangt, von der man vorher nicht befindet, also nicht erkannt hat, dass es sie gibt oder geben wird. Aus keiner Perspektive alleine ergibt sich dieser Befund. Es sei angemerkt, dass ich an keiner Stelle vorstellbar und unvorstellbar definiert habe, um ihnen eine Bedeutung beizumessen. Damit lässt sich auch die eingangs gestellte Frage: »Wer definiert, das Sprache definiert?« beantworten. Für die bisherigen Erklärungen habe ich nicht nur die gedanklichen Modelle Zeit und Perspektive als Ersatz für Gegenteil verwendet, sondern noch viele weitere, denn hinter jedem Begriff verbergen sich Modelle und gewisse Vorstellung, wie Begriffe und Ausdrücke richtig zu verwenden sind. Die Unsinnigkeit der Frage, »Wer definiert, das Sprache definiert?« wird isoliert und umformuliert in: »Kann man eine Definition definieren?« Auch hier fasst man Unsinnigkeit nun als Begriff auf, so dass die Unsinnigkeit verschwindet, aber die Aussage zunächst ins Triviale rutscht und die Frage verbleibt: »Kann man einen Begriff definieren?« Da Unsinnigkeit ebenfalls ein Begriff ist, ist es das gleiche wie mit dem Balalupo. Auch hier kommt man heraus, in dem man Definieren als Prozess ansieht. Aus der Perspektive der Definition sieht man das Undefinierte oder das Nicht-zu-Definierende. Aus der Perspektive der Undefinierbarkeit sieht man die Definition. Die Lösung des Ganzen: Aus etwas Undefinierbaren kann durch einen Prozess etwas Definierbares werden und umgekehrt. Die Begriffe unterscheiden sich nur bei einer Perspektive.

 

Kann man sich nun das Unvorstellbare vorstellen, oder das Undefinierbare definieren? Ja, natürlich…

… und zur Absicherung dieses Befundes fasse ich das Gegenteil als zeitlichen Perspektivwechsel auf. Ich wechsel von der Verteidigung zum Angriff, bin mir aber bewusst, dass es durch die verwendete Modellierung stets das Gleiche ist. Ich eliminiere die zeitliche Perspektive. Die Alternative, das Gegenteil von »das Unvorstellbare ist nicht vorstellbar«, würde bedeutet, dass es keinen Erkenntnisgewinn durch Nachdenken und Lernen gibt, dass keine neuen Vorstellungen entstehen können, dass Vorstellungen unveränderbar sind. Unvorstellbar und vorstellbar lassen sich als dichotome Facetten eines Denkprozesses auffassen, als zwei Perspektiven der gleichen Sache. Bei der Frage, ob man sich das Unvorstellbare vorstellen kann, steht man eindeutig auf der Seite der Vorstellung, bei der Frage nach der Definition eindeutig auf der Seite der Definition. Durch den Perspektivwechsel schlägt man sich formal auf die Seite des Unvorstellbaren bzw. des Undefinierbaren und sieht diesen Wechsel als Prozess an, der jederzeit umkehrbar ist. Wenn man zurück wechselt, kann man befinden, dass man sich soeben aus Sicht des Unvorstellbaren die Vorstellung „(un)vorstellen“ konnte oder sich aus Sicht des Undefinierbaren, die Definition „(un)definieren“ konnte. Wenn man sich nun den Perspektivwechsel weg und wieder hinein denkt, erscheinen vorstellbar und unvorstellbar bzw. definierbar und undefinierbar als das Gleiche, obwohl sie das Gegenteil bedeuten. Das ist aber kein Problem, denn wir wissen nun, wie man sich vorstellen kann, wie etwas unterschiedlich und (zugleich) gleich sein kann. Oder, um es mit Wittgenstein zu sagen:

Was ich lehren will, ist: Von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen.

 

Kann man sich das Unvorstellbare vorstellen?
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