Old doll looks out a window in an abandoned house in Pripyat - Chernobyl nuclear power plant zone of alienation Gesellschaft

Gentechnik und autonome Systeme, das sind die wahren Zukunftsthemen, das sind die neuen Feuer, die sich der Mensch zu eigen macht. Die Grenzen der vorstellbaren Zukunft bilden die Roddenberry’sche StarTrek Utopie auf der einen und die Cameron’sche Terminator Dystopie auf der anderen Seite. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Vielleicht kommt es auch doppelt dick und wir sprechen über autonome Gentechnik als ultimatives Schreckenszenario, gegen das nicht einmal Arnold Schwarzenegger etwas ausrichten könnte. Welche Risiken sind wir bereit, für die Verheißungen des Fortschritts einzugehen?

Als wenn neue Technologie immer wirklich Fortschritt bedeutet. Die Atomtechnik führte erst einmal direkt zur Atombombe. An diesem Feuer hätten sich die Menschen fast mehr als nur ein bisschen verbrannt. Aber das tun die Menschen mit jeder neuen Technologie, sie verbrennen sich etwas, mal die Hände und mal die Augenbrauen, dann gucken sie doof und leiten schließlich Erkenntnisse ab. Wie ein Kind, das hinfällt, erstmal weint, getröstet werden muss und dann so weiter macht, als hätte es nichts aus seinem Sturz gelernt. Aber seit der Erfahrung der Atombombe hat neue Technologie immer das Potential, alles zu verbrennen. Ein Sturz folgt nicht dem nächsten, sondern es droht ein Sturz aus dem Fenster. Zwischen Angst und Hoffnung gilt es daher, einen kühlen Kopf zu bewahren und endlich anzufangen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Und das bedeutet nicht, dass die Menschheit aufhören sollte, laufen zu lernen, nur weil sie des Öfteren dabei hinfällt. Aufhören bedeutet nämlich, dass alles so bleibt, wie es ist und demzufolge auch menschenunwürdige Krankheiten, soziale Ungerechtigkeiten und blutige Kämpfe um Ressourcen.

Die beste Lösung ist sicherlich die einfachste: Die Menschen müssen behütet laufen lernen. Eltern lassen ihre Kinder ja auch nicht fahrlässig auf der Fensterbank krabbeln. Aber ob nun behütet im Umkehrschluss bedeutet, die Kinder bestmöglich – z.B. nackt beim PEKiP – unter totaler Aufsicht (k)grabbeln zu lassen, sei einmal dahingestellt. Es gibt ja auch Kinder, die merkwürdige Bewegungstechniken entwickeln, die man entweder süß oder komisch finden kann, bevor sie letztlich das Laufen lernen und die Bewegungstechnik zur Anekdote verblasst. Man kann eine technologische Mode also durchaus einmal gelassen aussitzen.

Auch zu friedlichen Atommeiler mehren sich weltweit die Stimmen, dass eigentlich niemand diese Technik braucht – na gut, vielleicht als Plutoniumzelle für eine Marssonde oder Ähnliches. Ansonsten stellt sie aber eher eine schlechte Krabbeltechnik dar – wäre da nicht der untrennbare Fortschritt wie das MRT, zu dem das atomare Laufen lernen letztlich auch geführt hat.

Die Menschen vergessen zu leicht, dass Fortschritt immer ein Prozess ist und kein Zustand. Fortschritt ist immer eine Geschichte, die man erzählen kann und kein Ereignis. Das IPhone war nicht plötzlich auf dem Markt und hat alles verändert. Es wurde entwickelt – von Steve Jobs höchstpersönlich, so wie es die Geschichte erzählt.

Also wer behütet nun die Menschen beim Laufen lernen? Die Steve Jobs dieser Welt oder die Staatenlenker? HAHA. Nein, sicherlich keiner von beiden. Momentan ist es eher der Kapitalismus mit seinen marktwirtschaftlichen Mechanismen, der Wohlstand und Demokratie stützt und in einer offenen Gesellschaft den Fortschritt befeuert. So schön, so gut und da wir gerade bei den Phrasen sind, es weiß ja auch jeder insgeheim, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist.
Der Kapitalismus muss vielleicht auch noch laufen lernen und entwickelt dabei teils absurde Krabbeltechniken, zu denen man vielleicht irgendwann einmal zurückblickend sagt: Guck mal, er war irgendwie etwas ungelenk, hat ständig etwas kaputt gemacht, aber nun ist klar, dass das einfach nur die benötigte Vorstufe zum Laufen war.

Und das Prinzip der Behütung könnte auch hier die Lösung sein. Der Kapitalismus muss vielleicht ebenso behütet werden, wie er den Fortschritt behütet. Ist also vielleicht eine endlose Kontrollschleife die Lösung, um den Gefahren des Fortschritts Herr zu werden? Müssen wir jetzt einfach nur noch Politik, Medien und die kritische Öffentlichkeit in diese Schleife mit einbinden, alles ordentlich verschnüren und alles wird gut?

Ach, wenn es nur einen barmherzigen Gott geben würde, der über alles wacht – das würde die Konstruktion eines solchen Knäuels sicherlich deutlich einfacher gestalten. Aber das Problem ist leider hausgemacht. Seit der Aufklärung, die letztlich zu diesen Technologien führte, verspürt der Mensch den Drang, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und begnügt sich – ganz zurückhaltend – mit dem Diesseits, also einfach mit dem, was da ist. Es kann also auch nur von dem eine Behütung ausgehen, was da ist. Und das sind nun mal die Menschen selbst. Sie, ich, vielleicht ihr Nachbar – meiner ist leider zu unzuverlässig.

Aber wie soll man etwas behüten, von dem man gar nichts versteht: Gentechnik, CRISPR, autonome System, künstliche Intelligenzen? Diese kleinen Gemeinschaften krabbeln einfach frei im Nebenzimmer, niemand behütet sie. Vielleicht krabbeln sie bereits auf der Fensterbank im Nebenzimmer oder spielen bereits mit Streichhölzern. Hier mein einfacher Vorschlag: Lasst Sie bloß krabbeln, aber der schmale Durchgang muss weg, durch den der Rest beobachtet, wie die kleine, privilegierte, vielleicht intelligentere und angepasstere Gruppe im Nebenzimmer krabbelt. Es braucht genügend Menschen, am besten eine ganze Generation, die diese Technologien versteht und verinnerlichen kann und keine Gruppe gedanklich Gleichgeschalteten, was bei einer kleinen Gemeinschaft nun mal leider immer der Fall ist. Es braucht aber auch keine hysterischen Durch-die-Tür-Gucker. Nur eine heterogen denkende Gemeinschaft erkennt das Wesen eines Streichholzs in all seinen Facetten.

Nun habe ich einen naiven Vorschlag. Man verbiete das Geldverdienen mit diesen Technologien, aber nicht das Forschen an ihnen. Ohne kapitalistische Anreize gibt es in diesem Bereich dann auch keine rasanten Fortschritte mehr. Und damit auch keine Fortschritte, die im Nachhinein – wie bei den Atommeiler – am Liebsten auch keiner jemals gebraucht hätte. Das MRT wäre auch ohne Atommeiler entwickelt worden. Oder kann jemand beweisen, dass die Milliarden, die mit Atomtechnik verdient wurden, in die Entwicklung solcher Technologien geflossen sind?

Wir müssen uns mehr Zeit verschaffen, um zwischen Sicherheiten und Risiken neuer Technologien abzuwägen. Diese Frage muss die Gesellschaft jede Generation und jedes Jahr neu aushandeln dürfen. Hier kann es keine endgültigen Antworten und Entscheidungen einer Generation geben. Fortschritt ist immer eine Geschichte und kein singuläres Ereignis. Wir wollen unseren Enkelkindern doch eine Erfolgsgeschichte erzählen, oder etwa nicht? Ihnen wird es egal sein, wann die Geschichte genau passierte, ob nun 10, 20 oder 30 Jahre in der Vergangenheit. Für sie wird es einfach eine Geschichte sein.

Wir müssen aufhören, nur an unser persönliches Wohl zu denken. Wir müssen wieder anfangen, in Generationen zu denken, dann sehen wir die Dinge klar. Neue Technologien sind nicht für uns, sondern für unsere Kinder. Lassen wir sie also entscheiden, ob sie diese Technologien wollen. Lassen wir sie entscheiden, ob es wirklich so eine tolle Geschichte ist, oder ob wir uns das beim Schreiben der Geschichte nur einreden – wie pensionierte Lehrer(innen), die mit einem super spannenden Erstlingskrimi an einen Verlag herantreten. Lassen wir unsere Kinder sagen, her damit oder finde ich doof. Lasst uns nicht so vermessen sein, dass selbst entscheiden zu wollen und lasst uns unsere Kinder so bilden, dass sie wissen, über was sie entscheiden. Und zwar besser als wir, die durch die schmale Tür sehen und hysterisch Gefahr Gefahr rufen – ohne wirklich etwas zu sehen.

Gefahr, Gefahr – die autonome Gentechnik krabbelt im Nebenzimmer
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