Failure to innovate and innovation problem as a grave stone with text and gear icons representing industry death due to lack of financial funding and technology vision resulting in a failed business. Gesellschaft

Immer wenn etwas nicht klappt, wird der Ruf nach einer Methode laut. Jemand, der Methoden beherrscht, der kann was, der ist kompetent. Es verwundert nicht, dass der Schrei nach Methodenkompetenz inzwischen tief in der akademischen Ausbildung widerhallt. Ein Hochschulabsolvent sollte neben all der Theorie auch handfeste Methoden lernen. Der Begriff Methode wird dabei so inflationär benutzt, dass er fast schon keinen Wert mehr hat. Praktische Methode, theoretische Methode – alte, neue, erprobte, anerkannte, gängige, alternative, bewährte, verlässliche usw. Doch was macht eine Methode eigentlich zur Methode?

Eine Methode ist eine Verfahrensanweisung, mit dem man zu einem Ergebnis gelangen kann. Im Idealfall muss der Anwender nicht einmal den Hintergrund der Methode kennen. Er muss an die Methode glauben und er muss sie richtig anwenden können, darüber hinaus braucht er kein Wissen. Eine Methode eliminiert den menschlichen Faktor im erfolgreichen Handeln und automatisiert den Erfolg. Eine gute Methode bedeutet Erfolg mit minimaler Anstrengung.

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Ist es auch.

Was ist eigentlich das tolle an einer Methode? Der Mathematiker Gauss schrieb am 15. Mai 1843 an seinen Kollegen Schumacher einen Brief, nachdem er das Buch Barycentrischer Calcul von Möbius wiederentdeckte dazu folgendes.

Ueberhaupt verhält es sich mit allen solchen neuen Calculs so, dass man durch sie nichts leisten kann, was nicht auch ohne sie zu leisten wäre; der Vorteil ist aber der, dass wenn ein solcher Calcul dem innersten Wesen vielfach vorkommender Bedürfnisse correspondirt, jeder der sich ihn ganz angeeignet hat, auch ohne die gleichsam unbewussten Inspirationen des Genies, die niemand erzwingen kann, die dahin gehörigen Aufgaben lösen, ja selbst in so verwickelten Fällen gleichsam mechanisch lösen kann, wo ohne eine solche Hilfe auch das Genie ohnmächtig wird. So ist es mit der Erfindung der Buchstabenrechnung überhaupt; so mit der Differentialrechnung gewesen, so ist es auch (wenn auch in partielleren Sphaeren) mit Langranges Variationsrechnung, mit meiner Congruenzenrechnung und mit Möbius Calcul. Es werden durch solche Conceptionen unzählige Aufgaben, die sonst vereinzelt stehen, und jedesmahl neue Efforts (kleinere oder größere) des Erfindungsgeistes erfordern, gleichsam zu einem organischen Reiche.

Ganz ohne zu wissen, was Möbius überhaupt geschrieben hat, enthält dieses Werk offensichtlich ein Regelsystem inkl. einer Anwendungsanleitung, mit dem sich Erkenntnisse erlangen lassen, die im Resultat das Niveau eines Genies haben. Gauss, sicherlich eins der größten Genies seiner Zeit, staunte also nicht schlecht, wie mächtig Methoden sind. Bisher bedurfte es in der Mathematik immer einer gewaltigen, intellektuellen Anstrengung, und jedes Problem musste aufs Neue gelöst werden. Nun aber mehren sich Methoden, die ganze Problemklassen auf einen Schlag zu lösen vermögen, in dem einfach ein Mechanismus erlernt wird und dann das einzelne Problem mechanisch – also nach Kochrezept – gelöst werden kann. War es vorher die mathematische Methode, mit der Gauss und andere Mathematiker Probleme lösten, kam nun der Gedanke auf, dass Mathematik vom Prinzip nur aus Methoden bestehen sollte. Mathematik mutierte in der Vorstellung von der Denkkunst zur schablonenhaften, weltfremden Formelkritzelei. Mathematik als formelhaftes Verfahren war für die Massen viel verständlicher, als das sagenumwobene mathematische Genie und die Vorgänge in seinem Kopf.
Nun gab es statt dem Genie auf der einen Seite und der Masse auf der anderen Seite eine verlockende Zwischenstufe. Zwischen dem genialen Problemlöser und der sich doof staunenden Masse, gab es nun den Methodenanwender, den praktischen Mathematiker, der zum einen das Genie versteht und zum anderen aber auch von der Masse verstanden wird.

Es ist leicht vorstellbar, wie der intellektuelle Aufstieg funktioniert. Man lernt Methoden, trennt sich damit von der Masse und denkt sich im nächsten Schritt selbst Methoden aus – hebt sich somit von dem Methodenanwender ab. Doch die Logik, dass einen das zwangsläufig zum Genie macht, ist natürlich naiv. Da kommt dann der Doktorand mit der Frage, warum die Konstruktionsabteilung bei VW nicht mit der Karosserieplanung erfolgreich zusammenarbeitet, untersucht zwei duzend gescheiterte Methoden und schlägt allen Ernstes zur Lösung eine weitere Methode vor.

Dieses Methodisieren ist in etwas so verstörend wie damals das aufstrebende Bürgertum, das Gepflogenheiten und Mode des Adels nachahmte, ohne auch nur im entferntesten zu reflektieren, was sie da machten. Der Glaube an Methodenkompetenz ist ein unemanzipiertes Imitat von etwas, das toll ist, weil es ein Spiel ist und es keinen Zweck hat, aber nun einen unbedingten Zweck bekommen soll.
Man sollte eigentlich meinen, dass so etwas keine Perspektive haben könnte, wäre da nicht der unvergleichliche – aber auch seelenlosen – Erfolg dieses Theaters. Das liegt allerdings nur daran, dass die Massen, die diesen Erfolg sehen, eben auch nur diese eitlen Methodenkasper sehen. Sie sehen eben nur die Zwischenstufe, einen Karrieristen, einen Emporkömmling, denn das Genie bleibt weiter ungreifbar.

Bei all dieser Methodentendenz in der Wirtschaft und Forschung gibt es da natürlich auch noch die echten Problemlöser dieser Welt, die auf die Frage, mit welcher Methode sie das Problem gelöst haben, eher mit den Schultern zucken – war eine Eingebung, habe einfach ein paar Dinge zusammengebracht, kann man halt schwer erklären.
Was ist nun diese Methode der echten Problemlöser? Was für eine suggestive Frage. Es ist eben ausgerechnet keine Methode. »Aber, aber, alles ist doch irgendwie Methode«, höre ich die Methodenkasper sofort widersprechen. Und wider den Methodenzwang zitiere ich Paul Feyerabend aus seinem gleichnamigen Werk von 1983:

Es ist […] klar, daß der Gedanke einer festgelegten Methode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, Objektivität, Wahrheit, der wird einsehen, daß es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten läßt. Es ist der Grundsatz: Anything goes.

Methoden versprechen Effizienz und Sicherheit und bringen in Wirklichkeit oftmals nur Bürokratie und Innovationshemmung. Nehmen wir einmal die gewohnte Methode aus der sich direkt das Motto: „haben wir immer schon so gemacht“, ableiten lässt. Es muss einem klar sein, dass Methoden der Bewahrung und nicht dem Fortschritt dienen. Nun will ich nicht den Anarchismus herbeirufen, denn auch Fortschritt muss aufbereitet werden. Die Bewahrung von Innovationen ist zu einem gegebenen Zeitpunkt sicherlich sehr sinnvoll. Aber was dann? Was, wenn es weiter gehen soll? Verwendet man dann eine Change Management Methode, die methodisches und damit das gesicherte und effiziente Verändern verspricht? Nein, denn durch das Methodendenken verkörpert dieser Ansatz genau das  Gegenteil einer Veränderung, eine Bewahrung.

Der Schrei nach Methodenkompetenz ist eigentlich ein Schrei nach einer Best-Practice Kompetenz. Die Unternehmen wollen Angestellte, die etwas Können, von alleine etwas Schaffen und immer die richtigen Entscheidungen treffen. Unternehmen schieben heutzutage – wie Eltern – die Schuld auf die Schule, falls sie dies nicht bekommen. Aber ein Großkonzern muss sich einmal die Frage gefallen lassen, ob man nicht immer das bekommt, was man verdient – wenn also ein Absolvent sagt: »Ach, ich geh zu VW statt in den Staatsdienst, denn das ist fast das Gleiche, nur mit mehr Gehalt und Sachen, die moderner und trendiger sind – auch wenn es nicht um Computerspiele und IPhones geht. Scheinbar sind Methoden das Einzige, was ich an Fähigkeiten brauche, um dort Karriere zu machen. Die eigentliche Arbeit, dass machen ja andere … Zulieferer, Experten oder so.«
Der Ruf nach Methoden ist eine Verachtung des Schaffenprozesses. Es ist wie das Verbot, dass ein Kind sich nicht mit eigenen Fragen beschäftigen darf, sondern stattdessen lieber Hausaufgaben machen soll.

Wenn es mit unserer Wirtschaft wieder mehr vorangehen soll, müssen wir für dieses Schaffen wieder Begeisterung zulassen und es nicht als lästiges Übel, als Arbeit zum Geldverdienen abtun. Wir sollten das Schaffen nicht als Hausaufgabe betrachten, die sich am besten roboterartig erledigen lässt. Wir müssen als Gesellschaft junge Menschen hervorbringen, die sich in einem Unternehmen zusammentun und engagiert an der Zukunft mitwirken, auch wenn das zuweilen Scheitern bedeutet.
Wenn nach neuesten Erhebungen 80% aller Arbeitnehmer innerlich gekündigt haben, ist das wenig verwunderlich, denn es ist überall zu beobachten, wie Arbeitnehmer, die scheinbar nicht mehr so wichtige Ressource eines Unternehmens, durch viele gut gemeinten Methoden und Arbeitsanweisungen tagtäglich drangsaliert werden. Es haben nicht nur 80% der Arbeitnehmer innerlich gekündigt, es wird auch zu 80% des Tages mit Microsoft Office gearbeitet. Was soll an Innovationen herauskommen, wenn die Arbeitnehmer 80% des Tages irgendetwas Wichtiges in Office machen?

Der Ruf nach Methodenkompetenz hat den Menschen in der Rechnung vergessen, der nun wegen akuter Unlust einfach abschaltet. Und was versucht man, um dem entgegenzuwirken? Es werden Methoden entwickelt – welch eine Schizophrenie. Da kommen Google und Apple zu deutschen Automobilfirmen und erzählen Ihnen, dass sie ihre bisherigen Geschäftsmethoden durch Disruption ablösen werden, aber ob sie noch weiterhin als Karosseriezulieferer beschäftigt sein möchten. Und was sagen die methodenweichgekochten Automobilisten? Super, diese Disruptionmethode ist offensichtlich gut. Wir machen jetzt auch Disruption.

Methoden in großen Firmen sind oftmals zum Selbstzweck verkommen. Der Helfer ist zum Unterdrücker geworden. Wenn es nicht läuft, wird die Schuld zu gerne auf das System oder die Methode geschoben. Die Verantwortung ist oftmals irgendwo im methodischen System verschwunden und zur Lösung wird dann verzweifelt wieder eine Methode herangezogen. Nehmen wir beispielsweise den Beauftragten für Arbeitssicherheit. Die ultimative Methode ist sicherlich, jegliche Aktivität sofort einzustellen, damit wären dann alle Probleme gelöst, denn es können dadurch keine Probleme mehr auftreten, für die es Methoden zur Verhinderung bräuchte.

Während sich technisch-physikalische Phänomene und mathematische Berechnung (siehe Gauss) durchaus methodisch aus Theorien erarbeiten lassen, ist es töricht, dieselben Strategien auf den Menschen anwenden zu wollen.

Bei all der Polemik dieses Essays (hier findet sich eine differenzierte Betrachtung, wie ein Methode eigentlich entsteht und funktioniert), wir sollten das Problem ernst nehmen und das bedeutet, dass wir die Bedürfnisse des Einzelnen wieder ernst nehmen. Wir sollten junge Menschen wieder befähigen, ihre Ziele zu erreichen, und wir sollten junge Menschen wieder für eigene Ideen begeistern.  Konkret bedeutet das eine Abkehr von der allgemeinen Methodenkompetenz hin zu einer individuellen Befähigung und hin zu individuellen Schaffensprozessen.

Das Motto muss lauten: Nicht Problemlösung durch Methode, sondern erst die Problemlösung, dann die Methode.
Wir müssen junge Menschen wieder befähigen, sich als schaffende Individuen und als menschliche Wesen zu sehen und nicht als austauschbare Arbeitnehmer mit sicherem Job inkl. gut bezahlter Karrieremöglichkeit für was auch immer. Die Innovationskraft, das geforderte Können und Schaffen, sowie mutige und richtige Entscheidungen, kommen dann wieder von ganz alleine.
Und falls Sie im Herzen ein methodischer Bewahrer und kein Problemlöser sind und die Methode weiterhin als etwas nur Positives sehen wollen, nennen wir einfach die Methode zur Abschaffung der Methode im Feyerabendschen Sinne: Methode des Fortschritts.

Die Methode, das Innovationsgrab
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