Musils Paradox der Dummheit Erkenntnistheorie

Jemand, der über Dummheit spricht, maßt sich durch diesen Akt an, selbst nicht dumm zu sein. Eine solche Anmaßung wird aber allgemeinhin als Dummheit gesehen. Das Schreiben über Dummheit gleicht somit dem Betreten eines Minenfeldes. Ob man sich dessen nun bewusst ist oder nicht, es ist prinzipiell davon auszugehen, dass es eine dumme Idee ist. Aber egal ob das nun folgende dumm ist (ich betrete offensichtlich gerade dieses Minenfeld), kann man es nicht als dumm erachten, ohne ebenfalls dem Paradoxon zu erliegen. Was hat es mit diesem Paradoxon auf sich, das von dem Schriftsteller Robert Musil 1937 wie folgt formuliert wurde?

[…] daß jeder, der über Dummheit sprechen oder solchem Gespräch mit Nutzen beiwohnen will, von sich voraussetzen muß, daß er nicht dumm sei; und also zur Schau trägt, daß er sich für klug halte, obwohl es allgemein für ein Zeichen von Dummheit gilt, das zu tun!

Musil berichtete, dass er bei seinen Recherchen zu dem Thema auf sehr wenig Material gestoßen sei, da es scheinbar die weisen Menschen vorziehen, über Weisheit zu schreiben. Er fand schließlich einen Vortrag aus dem Jahre 1866, zu dem dokumentiert wurde, dass man schon seine Ankündigung lachend begrüßt habe. Musil bemerkte dazu:

Ich bin […] überzeugt, daß es mit solchem Verhalten der Menschen zu denen, die über Dummheit sprechen wollen, eine besondere Bewandtnis hat, und befinde mich sehr unsicher in der Überzeugung, eine gewaltige und tief zwiespältige psychologische Macht herausgefordert zu haben.

Diese mysteriöse Macht der Dummheit greift Cipolla in seinem berühmten Essay Prinzipien der menschlichen Dummheit 1988 auf. Er schlägt vor, die menschliche Dummheit in einem Diagramm zu kartografieren. Auf der x-Achse wird der Nutzen einer Handlung für die handelnde Person auftragen und auf der y-Achse der Nutzen dieser Handlung für andere, aus deren Sicht wohlgemerkt. Die Skalierung der Achsen reicht ins Negative, so dass auch verlustreiche Handlungen erfasst werden. Jede Person kann nun als Mittelwert all seiner Handlungen in diesem Diagramm verzeichnet werden.

Cipolla_Diagramm

In dem Quadranten rechts oben befinden sich die Intelligenten, sie nützen sich selbst und anderen. In dem Quadranten links unten befinden sich die Dummen. Sie schaden durch ihr Handeln sowohl sich selbst als auch anderen und damit der gesamten Gesellschaft. Etwas differenzierter sind die verbleibenden Quadranten, die Unbedarften links oben und die Banditen rechts unten. Durch ihre Quadranten läuft eine Diagonale, die die Unbedarften und die Banditen nochmals unterteilt. Auf dieser Diagonale ergibt jede Handlung ein Nullsummenspiel. Der Bandit stiehlt einem Opfer 100€, der Wert bleibt allerdings insgesamt in der Gesellschaft erhalten. Der „dumme“ Bandit hingegen (unterhalb der Diagonalen) stiehlt 100€ und verursacht beim Stehlen darüber hinaus noch weiteren Schaden. In dem Quadranten links oben werden die Unbedarften eintragen, die anderen einen Nutzen bringen, jedoch bei diesem Handeln sich eher selbst schaden. Auch hier gibt es die „dummen“ Unbedarften links der Diagonalen, die sich selbst mehr schaden als sie anderen nützen. Alles Handeln jenseits der Diagonalen schadet der Gesellschaft, allen voran die Handlungen im Quadrant der Dummen.

Cipolla argumentiert, dass es immer den Bach runtergeht, egal wo, egal in welcher Gesellschaft und egal unter welchen weiteren Umständen, wenn die Dummen anfangen, zu handeln. Wenn also dumme Menschen z.B. wählen gehen, ist das immer schlecht für die Gesellschaft, weil sie vermutlich dumme Menschen wählen, die dann über die Intelligenten bestimmen. Cipolla merkt an, dass solch ein Vorgang natürlich auch immer schlecht für die Dummen selbst ist, was diese nur nicht bemerken, denn andernfalls wären sie schließlich nicht dumm.

Dieses Nicht-Bemerken der Dummheit erweitert die Psychologie noch um den Aspekt des Wollens.

Im Unterschied zu anderen Bezeichnungen, die auf Mangel an Intelligenz hinweisen, bezeichnet Dummheit […] die Einstellung, nicht nur etwas nicht wahrnehmen zu können, sondern auch es nicht wahrnehmen zu wollen. (Wikipedia)

Man könnte argumentieren, dass der Intelligente, der zwangsläufig auch einmal dumm handelt (schließlich zählt nur der Mittelwert), überwiegend intelligent handelt, indem er sein dummes Handeln reflektiert und diese Erkenntnis bei weiteren Handlungen beherzigt und er in Zukunft deshalb klüger agiert. Dumm ist, was zweimal dumm ist, könnte man hier vielleicht sagen und Dummheit als mangelnde Lernfähigkeit deuten. Cipolla widerspricht dem allerdings vehement. Dummheit nicht als Dummheit zu erkennen, so sagt er, zeugt eben genau von Dummheit. Und da Dummheit für Gesellschaften schädlich ist, ist dieses Denken brandgefährlich.

Gunter Dueck kommt in dem Buch Schwarmdumm (2015) durch eine Analyse der systematischen Dummheit in Unternehmen zu dem Schluss, dass Cipollas scheinbar aus der Luft gegriffene These, dass der Anteil der Dummen in allen Gruppen (genauer gesagt die Wahrscheinlichkeit) immer gleich ist, wohl leider bestätigt werden muss, obwohl es zunächst merkwürdig erscheint, dass zum Beispiel auf einem Ärztekongress ebenfalls dieser Anteil gleich sein soll. Dueck erzählt von der Ohnmacht des intelligenten Menschen in dummen Systemen, in denen die einzelnen Menschen für sich genommen nicht unbedingt dumm sein müssen, im Ganzen aber dann leider viel dümmer sind, als die Summe der Individuen es eigentlich vermute lassen sollte. Er erzählt beispielsweise von Mehrarbeit, die von Managern zur Abschaffung von Mehrarbeit ersonnen werden, die – oh Wunder – leider immer mehr Mehrarbeit bedeuten. Auch in Duecks Beispielen geht alles den Bach runter, wenn die Dummen anfangen, zu handeln oder irgendwie Macht bekamen und nun das Sagen haben. Diese Ohnmacht im Angesicht der Dummheit ist nicht neu, selbst Kant (immerhin der größte Denker der Deutschen) resignierte über die Dummheit und bemerkte, dass einem solchen Gebrechen gar nicht abzuhelfen sein, oder wie man im Volksmund sagt, dass gegen Dummheit noch kein Kraut gewachsen ist. Doch es kommt nach Cipolla noch viel schlimmer.

Cipolla merkt an, dass Intelligente die konstante (!) und die immer vorhandenen Wahrscheinlichkeit (!) eines dummen Anteils systematisch unterschätzten. Das ist der Hauptgrund, warum immer alles eher früh als spät den Bach runter geht. Die Intelligenten verstehen nämlich das willkürliche, unberechenbare Wesen der Dummheit nicht. Sie verstehen höchstens das berechnende Spiel des Banditen. Sie denken, dass er dabei vielleicht ungeschickt ist, sich beim Versuch einfach eben ein bisschen dumm anstellt und dabei leider insgesamt mehr Schaden erzeugt, als Nutzen für sich herauszieht. Cipolla mahnt ausdrücklich, dass die Intelligenten die wirkliche Dummheit vom Wesen her nicht verstehen, ja gar nicht verstehen können. Denn wie auch, wenn Dummheit mit keiner Rationalität der Welt zu verstehen ist. Die Warnung Cipollas ist glasklar. Umgebe dich mit dummen Menschen und alles geht den Bach runter. Lass dumme Menschen irgendetwas machen, wovon auch andere betroffen sind, und alles geht den Bach runter. Umgebe dich mit scheinbar ebenso intelligenten Menschen, mit denen Einigkeit über die Dummheit anderen herrscht, und alles geht den Bach runter.

Eins der wesentlichen Eigenschaften von Dummheit ist nach Cipolla, dass Dummheit nicht durch Intelligenz kontrollierbar – im Sinne von vorhersehbar – ist. Man kann also keine Vorkehrungen gegen Dummheit treffen. Indem man Dummheit als mangelhafte Lernfähigkeit ausweist, versucht man das jedoch und denkt, dass man der Dummheit durch Lernen Abhilfe schaffen kann. Aber wie gesagt, der wahrscheinliche Anteil der Dummen in einer Gruppe (also auch in einer Lerngruppe) ist immer gleich. Cipolla schreibt:

Vor allem vergessen Menschen, die nicht dumm sind, ständig, dass Verhandlungen und/oder Verbindungen mit dummen Personen zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort und in jedem Fall sich unweigerlich als teurer Irrtum herausstellen werden.

Über das Wesen der Dummheit nicht bescheid zu wissen, ist folglich die größte erkenntnistheoretische Dummheit eines ansonsten Intelligenten. Es ist der Brandbeschleuniger für den Untergang einer Gesellschaft, dass man jemanden für dumm hält, ihn aber gleichsam unterschätzt, ihn sogar machen lässt, dadurch aber nur seine eigene Dummheit demonstriert und dadurch überhaupt erst den Anstoß gibt, dass alles den Bach runter geht.

Die als wissenschaftliche Satire angelegte Abhandlung von Cipolla scheint verdammt wenig satirisch, wenn man darüber nachdenkt. In meinem Buch Die Entfesselung des Schöpfers habe ich dargestellt, wie die mentale Maschine des Menschen gänzlich ohne die Idee der Intelligenz erklärbar ist. In dem Buch habe ich fünf Leitsätze vorgestellt, um seinen Verstand zu entfesseln. Ich kann sie jedoch auch ohne weiteres als Aussagen umdeuten, um der Geißel der Dummheit zu entkommen.

I: Vertrauen Sie nicht auf die Schlussfolgerungen Ihres Verstandes.

Wenn Sie ihren Gedanken vertrauen, beenden Sie das Streben nach Intelligenz, was unweigerlich zur Dummheit führt. Gedanken werden mangels Alternativen zu einer Weisheit, dann zu einer Überzeugung und dann zu einem Glauben, ohne dass sie jemals etwas anderes als Gedanken waren. Es wird (dummerweise) der Prozess vergessen, der zur Überzeugung bzw. zum Glauben führte.

II: Ihr Verstand konstruiert am laufenden Band falsche Kausalitäten, nur damit Sie einen Gedanken vollenden können.

Falsche Kausalitäten klingt dramatisch. Aber überlegen Sie, wie fatal es wäre, wenn Sie keinen Gedanken vollenden könnten. Da nehmen Sie den ein oder anderen dummen Gedanken gerne in Kauf. Ihrem Verstand ist es egal, ob die Kausalität falsch oder richtig bzw. der Gedanke dumm oder intelligent ist. Es stellt sich also gar nicht die Frage, ob der Gedanke, dass ein anderer Gedanke dumm ist, selbst immer dumm sein könnte. Die Fähigkeit Schlussfolgerungen zu ziehen, bedeutet immer Intelligenz. Dummheit kann also nicht so etwas wie die Abwesenheit von Intelligenz sein. Dummheit und Intelligenz sind nicht so gegenteilig, wie es scheinen mag.

III: Man kann nur aus eigenen Erfahrungen auf das Verhalten anderer schließen.

Das Problem ist, dass offensichtlich alle Menschen verschiedene Erfahrungen haben. Und da man somit auch nur aus der eigenen Dummheit auf die Dummheit anderer schließen kann, kann man nur auf eine relative Dummheit schließen. Der Fehler kann hier dementsprechend auch relativ groß sein.

IV: Problemlösungen sind konkret und niemals abstrakt. Abstraktes Denken löst keine Probleme – nicht gestern, nicht heute und nicht morgen.

Dummheit lässt sich nur durch Handeln ausmerzen, da so neue Erfahrungen entstehen, die nicht automatisch in den Prozess der Glaubensbildung führen.

V: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Mit anderen Worten, mein Verhalten ist nicht dumm, weil ich überzeugt bin, dass es nicht dumm ist, womit wir wieder beim ersten Leitsatz und dem Prozess der Glaubensbildung sind. Die Sätze II bis V unterstützen somit nur den ersten Leitsatz.

Kommen wir nun noch einmal auf Musils Paradoxon zurück und fragen uns, wie man es schaffen kann, systematisch nicht dumm zu sein. Wie begegnet man der Dummheit?

Eine Konfrontation mit einem dummen Menschen läuft in etwa immer so:

„Du bist dumm.“

„Nein, du bist dumm.

„Stimmt gar nicht, denn du bist hier der Dumme.“

„Wenn hier jemand der Dumme ist, dann wohl du“

…. usw. usw.

Man kann getrost jegliches Argument, warum der jeweils andere nun genau dumm sein soll, sofort streichen. Es ist eine dumme Konfrontation. Wer sich auf solch eine Debatte mit einem dummen Menschen einlässt, ist offensichtlich ebenfalls dumm. Es ist dann einfach ein Gespräch zweier dummer Menschen. Andere von ihrer Dummheit zu überzeugen, können wir schon einmal von der List der Optionen streichen. Jeder, der sich der eigenen Dummheit entsagt, wird letztlich als dumm eingestuft und das ist, wie bereits dargestellt, auch gut so. Musils Regel gilt uneingeschränkt. Sie können nur gegen die eigene Dummheit vorgehen.

Hier nun mein Angriffsvektor gegen die eigene Dummheit, meine Strategie zur Überquerung des Minenfeldes. Erstens: Man darf nicht auf die Schlussfolgerung seines Verstandes vertrauen, egal wie relativ intelligent er bereits erscheinen mag und wie oft eine Schlussfolgerung schon irgendwo gedruckt wurde. Wenn ich in einer Gruppe über die Dummheit Außenstehender einig bin, bin ich höchst wahrscheinlich bereits selbst ziemlich dumm und es wird auch für mich, wie auch für alle anderen, eher früh als spät den Bach runter gehen. Zweitens: Man sollte ständig nach neuen Erfahrungen streben, die am besten nicht im Einklang mit bisherigen Erfahrungen stehen, denn solche befördern nur die Gruppen- und Glaubensbildung. Mit Skeptizismus, Rationalität und Einsamkeit ist es aber nicht getan. Dummheit kann man nicht mit Intelligenz und Nachdenken klein halten. Es ist dumm, intelligent sein zu wollen und es ist intelligent, nicht dumm handeln zu wollen.

Den Zustand „Intelligenz“ gibt es nicht, es gibt nur intelligentes Handeln. Denken Sie an Cipolla. Es werden die Handlungen in dem Diagramm eingetragen und nicht, ob jemand dumm oder intelligent „ist“. Ein solches Zustandsdenken führt nur zu dummen Dialogen, siehe oben.

Zum Schluss noch ein Zitat von Mark Twain, der es mit der Strategie des Humors sicherlich viel weiter ins Minenfeld geschafft hat, als ich es hier vermochte. Es verstößt unter allen Zitaten im Internet am geringsten gegen Cipollas Regel, da er einen Prozess und keinen Zustand der Dummheit beschreibt.

Als ich 14 war, war mein Vater so dumm, dass ich ihn kaum ertragen konnte. Aber als ich 21 wurde, war ich doch erstaunt, wie viel der alte Mann in sieben Jahren dazugelernt hatte.

Musils Paradox der Dummheit
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