Wie man einem Menschen aus dem Mittelalter erklärt, wie man Metall zum Fliegen bringt. Storytelling

»Ingenieure machen das«, wäre wohl die schnellste Antwort auf die Frage, wie Metall zum Fliegen gebracht wird. Doch der Ingenieur wäre dann nicht mehr als ein Magier. Wir erklärt man ihm nun, dass es keine Magie ist. Oder ist es das letztlich doch?

Phase 1

Zunächst sollte man dem Mittelalter-Kerl erklären, dass Ingenieure einem Beruf nachgehen und somit das Ingenieurwesen etwas entmystifizieren.

Was machen Ingenieure eigentlich den ganzen Tag? Die Frage ist einfach zu beantworten. Ingenieure langweilen sich so lange, bis ihnen jemand sagt, dass es ein technisches Problem gibt, oder um es mit anderen Worten zu sagen, dass etwas nicht funktioniert. Man könnte ihnen auch sagen, dass eine Neu- oder Weiterentwicklung eines Produktes benötigt wird. Das bedeutet aber auch nichts anderes, als dass ein (allenfalls noch nicht vorhandenes) Produkt nicht funktioniert. Für den Ingenieur ist das alles wirklich das gleiche. Im Ingenieurwesen geht es um den Prozess der technischen Problemlösung. Und wenn das Problem gelöst ist – das Produkt also funktioniert – dann langweilen sich die Ingenieure wieder.

Phase 2

Nachdem man nun erklärt hat, dass Ingenieure etwas zum Funktionieren bringen statt zaubern, bietet man als nächsten Schritt ein Geheimnis zum Verständnis an, wie das geht. Wie ich in meinem Buch Die Entfesselung des Schöpfers feststellte, lässt sich etwas verstehen, indem man ein-und-dasselbe in eine Dichotomie zerlegt, also bewusst aus verschiedenen, idealisierten Perspektiven betrachtet, sich jedoch bewusst ist, das es stets ein-und-dasselbe ist. Hört sich merkwürdig an, ist es auch, ist aber so.

Etwas zum Funktionieren zu bringen ist nicht zu verwechseln mit einer Reparatur, dem ikeamäßigen Zusammenbau oder einem Kochrezept.

Man könnte hier ja eine typische Ikea-Anleitung zeigen und dazu den Kopf schütteln.

Prinzipiell lassen sich zwei Arten des Funktionieren unterscheiden:

– das materielle Funktionieren eines Teils und
– das emergente Funktionieren gleichgearteter Teile.

Materielle Funktionen basieren auf physikalischen Prinzipien, emergente Funktionen nicht unbedingt. Da sie allerdings elementar immer aus materiellen Funktionen bestehen, liegt im Ganzen immer eine physikalische Funktion vor. Wenn etwas funktioniert, dann immer physikalisch.

Wenn Elon Musk, ein berühmter Anführer aus dem Silicon Valley, der Metall zum Mars fliegen lassen will, von einem Ingenieur mit einem Problem konfrontiert wird, gibt er als Standardantwort: »Brechen Sie es auf die Physik herunter«. Man könnte auch sagen: »Denken Sie in SI-Einheiten.« Es ist eben die Methode der Ingenieure. Gutes Zureden, positiv Denken oder ein gutes Argument hat weder einem Motor noch einen Code jemals zum Laufen gebracht, geschweige denn, etwas zum Fliegen.

Um das emergente Phänomen zu umschreiben, könnte man sagen: Das Zusammenspiel von gleichgearteten Bausteinen in großer Anzahl ermöglicht mehr als die Summe der einzelnen Bauteile. Das mehr ist die emergente Funktion, die Summe der Bauteile die zugrunde liegende materielle Funktion. Etwas abstrakter beschrieben ergibt sich eine emergente Funktion aus der Organisation von Elementen zu Strukturen.

Das emergente Funktionieren könnte man vielleicht auch als immaterielles Funktionieren interpretieren. Doch wir wissen, dass jede emergente Funktion letztlich materieller Natur ist.

Ok, jetzt hat der Mittelalter-Kerl erfasst, dass die Menschen wohl irgendwie verstanden haben müssen, wie Magie funktioniert und es jetzt nur Emergenz und Physik nennen. Kommen wir zur nächsten Phase.

Phase 3

Wir zeigen dem Mittelalter-Kerl ein paar Dinge, die für ihn magisch sein müssen, stellen dem etwas gegenüber, das er kennt und verknüpfen beides mit der vorangegangen Erklärung.

Die Erstellung eines 3D-Modells auf Basis von Skizzen, wie es im CAD üblich ist, ist eine organisierende Tätigkeit, wie auch die Programmierung des Bewegungsablaufs eines Roboters. Eine Problemlösung durch Organisation zu lösen, ist sehr anschaulich, da es eine alltägliche Erfahrung des Lernens ist. Auch der Unterschied zu einer Anleitung ist sofort ersichtlich. Es wird nicht auf einem vorskizzierten Blatt Papier gemalt, sondern auf einem weißen Blatt Ideen umgesetzt, die mit Farbe und Papier umsetzbar sind. Das materielle Funktionieren ist demgegenüber schon schwerer aus der eigenen Erfahrung zu verstehen. Es ist die Erzeugung des Papiers und der einzelnen Farben und das zur Verfügung stellen der Farben in Form von Pinseln, Filzstiften oder Kugelschreibern und das zur Verfügung stellen von Papier als weißes Blatt, oder eben eines Laptops.

Die Aufteilung in materielles und emergentes Funktionieren ist der Philosophie entnommen und dient der Anschauung, denn die Übergänge in der Produktentwicklung sind fließend. So ist, um noch einmal auf das Beispiel mit dem Blatt Papier zurückzukommen, auch ein Origami eine organisierte Struktur aus einzelnen Faltungen, ganz ohne Farbauftrag. Ebenso kann die 3D-Konstruktion eine emergente Struktur  aus einzelnen Geometriegrundkörpern (Zylindern, Kuben etc) oder parametrischen Skizzen sein, wie heute im CAD üblich ist.

Die zugrunde liegenden parametrischen NURBs inkl. der Echtzeit-Lösung des Gleichungssystems hinter der modernen CAD-Oberfläche sind zwar keine materiellen Bausteine, werden aber im Geiste dazu gemacht: Der einzelne NURB als vielseitiges, mathematisches Geometrie-Modell, der Programmcode zur vielseitigen Maschinennutzung. Die Sprache lässt hier gar keinen gedanklichen Spielraum, als die Verdinglichung von emergenten Funktionen auf nächst höherer Ebene durch die Verwendung von bestimmten Artikel. Das ist aber kein wirkliches Erkenntnisproblem. Denn die Materialisierung einer emergenten Funktion, also die Verdinglichung, ist im Geiste des Ingenieurs immer ein Werkzeug, ein Hybrid aus Materie und Funktion. In dem Beispiel des 3D-Modells ist das Werkzeug die CAD-Oberfläche, mit dem das 3D-Modell erschaffen wird. Das CAD-System ist wiederum mit dem Werkzeug der Programmiersprache geschaffen – und die Programmiersprache ist letztlich irgendwann mit dem Werkzeug eines physikalischen Schaltkreises realisiert, der wiederum eine Organisation von einzelnen Transistoren in einem Siliziumchip ist. Der Transistor, der automatisch schaltende Stromkreis, ist dann die elementare, materialisierte Funktion, auf der alles basiert – die kleinste logische Denkeinheit. Die Summe ist hier die Anzahl der logischen Schaltkreise und Speichereinheiten. Das 3D-Modell ist die Differenz zwischen dem Ganzen und der Summe. Das 3D-Modell ist das mehr. Es ist also emergent.

Ok, soweit sollte es der Mittelalter-Kerl nachvollziehen können.

Auf jeder höheren Ebene werden emergente Funktionen wieder zu materiellen Funktionen gedacht, zu Werkzeugen. So muss man nicht im Ganzen überblicken, dass aus einer Abfolge von zwei Zuständen, der 0 und der 1 und einem Stromkreis 3D-Modelle werden können. In den 3D Modellen erkennt man andersherum auch keine Einsen und Nullen. Doch das 3D-Modell ist natürlich nichts anderes als codierte Bits. Das Emergente, man könnte auch sagen, das Intelligente, steckt in dem Prozess des Codierens dieser Bits mithilfe der Werkzeuge.

Damit der Mittelalter-Kerl nicht sofort wieder denkt, Werkzeuge seien so etwas wie Zauberstäbe, sollte man noch folgendes ergänzen.

Die Vorstellung eines Werkzeugs hilft an dieser Stelle und ist dem Ingenieur ein so vertrauter Begriff, dass er nicht darüber nachdenkt, dass es eben nichts Elementares darstellt, sondern nur eine abstrakte Erkenntnishilfe für seinen Verstand ist.

Jetzt fügen sich langsam alle Bausteine zusammen.

Phase 4

Nachdem wir nun einen Konflikt aufgezeigt haben, den die Menschen scheinbar gelöst haben, spitzen wir ihn zu und stellen ihn als noch nicht abgeschlossen dar.

Wenn man verstehen will, was digitale Transformation bedeutet, dann ist es die Abkehr von der Denkweise in Dingen und physikalischen Prinzipien, die der Ingenieur beherrscht, hin zu einer emergenten, funktionalen Denkweise in nichtdinglicher Information und Funktion. Hier unterscheiden sich das Ingenieurwesen und die Informationstechnik fundamental. Man könnte auch sagen, sie repräsentieren im Idealfall zwei gegensätzlichen Positionen. Der Ingenieur betrachtet Produkte als primär materiell. Der Informationstechniker betrachtet Produkte aus der gegenüberliegenden Perspektive in letzter Konsequenz als digitale Information, als Codierung von Nullen und Einsen. Für den Ingenieur ist eine Maschine ein mit Werkzeugen geschaffenes Ding, für den Informationstechniker ist es eine Realisierung einer Anforderung, also letztlich eine reine, nichtdingliche Information.

Das Verständnis für ein Produkt lässt sich im Zeitalter der Digitalen Transformation nicht verstehen, wenn man den Produkt-Begriff und den Werkzeug-Begriff nicht aus beiden Perspektiven betrachtet. Für den Informationstechniker mit seiner reinen, codierten Informationssicht ist die Hardware eines jeden Produkts vollkommen mysteriös, für den Ingenieur im Zweifel das Produkt ohne die Funktionssicht nicht kundenorientiert, also vollkommen ohne Funktion.

Ein nicht funktionierendes Produkt besteht z.B. aus einzelnen Zahnrädern auf dem Tisch statt im Getriebegehäuse, denn der Ingenieur denkt, dass mit Zahnräder ein Getriebe gebaut wird. Der Informationstechniker denkt, dass ein Getriebe eine Anordnung von Zahnrädern ist. Die Anordnung und der Zustand steht für ihn im Fokus des Denkens. Das Problem ist also für ihn, dass die Anordnung nicht stimmt, während es für den Ingenieur nicht zusammengebaut ist.

Dass ein Getriebe Schritt für Schritt zusammengebaut werden muss und materiell keine Durchdringungen möglich sind, beschert seit Anbeginn der Ingenieursausbildung zu massiven Punktabzügen, wenn Studierende etwas konstruieren, dass sich nicht montieren lässt. Der Ingenieur denkt also im Prozess des Zusammenbaus und denkt jedes Zahnrad nacheinander. Er denkt mit Verben, die Veränderungen beschreiben. Der Informations-Spezialist denkt in Standbildern und sieht Unterschiede zwischen ihnen. Der Informationstechniker denkt das Getriebe als variablen Zustand von Anordnung und Geometrie und kann das als Funktion mehrerer Variablen sehen, während es für den Ingenieur immer eine Konstruktion bleibt.

An dieser Stelle sollte man dann einen Cut machen und die Geschichte in das große Ganze betten.

Das Denken in Objekten und Funktionen verfolgt die Menschheit mindestens schon seit den ersten überlieferten schriftlichen Aufzeichnungen. Für Platon bestand alles im Kern aus Ideen, was heutzutage nichts anderes wäre, als Funktion oder immaterielles bzw. emergentes Phänomen zu sagen. Für Demokrit bestand alles hingegen aus materiellen Dingen wie Atomen und deren spezifischer Verhakung. Nun sollte man noch anmerken, dass für Platon genauer gesagt alles im Universum ein Spiel der Ideen war und nicht aus Ideen bestand, denn Bestehen suggeriert ja bereits eine Dinglichkeit, die er ablehnte.

Wenn man also von der immateriellen Seite kommt, sieht man kein Bestehen von etwas, sondern nur stetige Änderung von Beziehungen und redet über Zustände, Systeme etc. Alles lässt sich folglich funktional denken. Wenn man von der materiellen Seite kommt, sieht man Objekte und deren Beziehung. Alles lässt sich gedanklich anfassen und sortieren.

Dieser scheinbare Widerspruch, den man vielleicht mit »Ein Zustand kann kein Ding sein« zusammen fassen kann, ging in philosophischen Kreisen eine zeit lang hin und her und ist auch heute noch in den Köpfen der Menschen unterschwellig manifestiert – dem Ingenieur und Naturwissenschaftler stellvertretend auf der Seite des Materiellen und dem Esoteriker und Geisteswissenschaftler auf der Seite des Immateriellen. Man sieht es auch in der Partnerin, die über das Funktionieren einer Beziehung reden will und dem Partner, der stattdessen lieber Handlungsvorschläge für eine Beziehung fordert, um es in Ordnung zu bekommen. Es ist also eine überaus schwierige Ehe, die Ingenieurwesen und Informationswesen in der Digitalen Transformation eingehen wollen, in dem sie das Materielle mit dem Immateriellen zusammenbringen wollen, ohne der Sache wirklich fundamental näher zu kommen.

Phase 5

Nun erzählen wir dem Mittelalter-Kerl, dass es diesen Konflikt immer schon gab.

Mit Descartes kam im ausgehenden Mittelalter etwas Schwung in die Sache mit den unterschiedlichen Denkweisen. Wie kommt man zu sicheren, richtigen Erkenntnissen, fragte er sich. Dann könnte man alles erkennen, was zu erkennen ist, auch wie man Metall zum Fliegen bringt. Das fragte er sich zwar noch nicht, schlug jedoch vor, alles solange in immer kleinere Bausteine zu zerlegen, bis sie so elementar sind, dass sie einfach mangels Komplexität wahr sein müssen, bzw. als wahr erkannt werden. Auf diesen Erkenntnissen, diesen Bausteinen, soll dann jede Erkenntnis aufgebaut werden. Und falls es nicht funktioniert, muss man wieder zu den Bausteinen zurück, denn dann sind sie noch nicht wahr. Das war wirklich bahnbrechend und für das Erkennen der Natur, auf die sich letztlich die Wissenschaft und das angeschlossene Ingenieurwesen gründen, der Startschuss.

Seit der Entdeckung der Atome, ist (Stand heute) klar, dass die Welt im Innersten materiell ist. Zuvor dachte man jedoch anders. Es war die Funktionssicht. Alles, was da ist, hat einen gegebenen Zweck. Der Mensch hat zwei Beine, weil er laufen will. Der Vogel hat Flügel, weil er fliegen will.

Die Menschen glaubten, dass eine gewünschte Funktion sich wie von Zauberhand materialisiert, wie der Informationstechniker auch die Hardware denkt. Die Giraffe hat einen langen Hals, weil sie an die hohen Blätter will, der Löwe hat Reißzähne, weil er die Giraffe fressen will. Und alles, was man nicht versteht, ist nur ein Zweck, den man nicht versteht. Das führt unmittelbar zum Kausaldenken. Alles hat seinen Grund und ganz vorne, als erster Wille sozusagen, spielt Gott mit. Erst kommt die Funktion und dann kommt irgendwie unter mysteriösen Umständen die Hardware dazu.

Descartes sagte nun aber, dass es doch egal sei, was jemand gerne hätte, wie etwas sein solle, damit er es versteht. Man sollte lieber schauen, was an Erkenntnissen wirklich elementar dar ist und auch wahr im Sinne von widerspruchsfrei ist. Welche Beobachtungen kann man nicht mehr wegdiskutieren? Und dann sollte man langsam anfangen, daraus irgendetwas zu erklären. Man dachte vorher immer, dass es für alles eine Erklärung gibt, auch wenn Sie bisher vielleicht keiner gefunden und ausgesprochen hat.

Da war er nun, der Wissenschaftler, der Experimente macht und empirische Forschung betreibt, der nicht nach der Funktion fragt, sondern nach den Bausteinen. Und kaum reifte diese verführerische Idee der Erkenntnisgewinnung – es war noch überhaupt nicht absehbar – dass man damit Metall zum Fliegen bringen kann – kam ein anderer Mann, der ebenfalls später zu dem prototypischen Wissenschaftler sterilisiert wurde, (obwohl er sich heimlich an Alchemie versuchte) und stiftetet noch mehr Verwirrung und Irritation in das althergebrachte Zweck-Denken.

Isaac Newton stand da und sagte: Ich habe hier diese drei Prinzipien in Form von mathematischen Beziehungen mitgebracht  und damit erkläre ich euch, wie alle Dinge – also alle wichtigen Dinge dieser Zeit (Bewegung der Himmelskörper und Bewegung im Allgemeinen) funktionieren. Das Zauberwort hieß von dort an physikalisches Gesetz. Das physikalische Gesetz, also eine Gleichung, nachdem die Dinge funktionieren, trieb die Erkenntnistheoretiker an den Rand der Verzweiflung. Wie kann das sein? Besteht die Welt also aus Dingen, denen gewissen Eigenschaften wie Masse anhaften, und gleichzeitig im Wesentlichen aus Funktionen, die nur in Verbindung bestehen, also im Sinne der Ideenlehre von Platon?

Eine Frage, die bis heute nicht geklärt ist. Es gibt ja wieder einige theoretische Physiker, die vermuten, dass alles vielleicht doch nur aus gefaltetem Raum und Energie bestehen könnte und alle Dinge einschließlich der Elementarteilchen nur emergente Phänomene bestimmter, sehr stabiler, Topologien sind. Newton hat es uns nicht einfacher gemacht, indem Dinge nun Eigenschaften anhaften, die sich erst aus der Wechselwirkung der Dinge selbst ergeben.

Er fand allerdings über diesen Formalismus einen Weg, diese beiden Welten erstmalig zu verbinden und quantitative Aussagen über Materielles und Immaterielles zu treffen. Nur physikalische Objekte, die man zählen kann und Funktionen, die diese Objekte in Beziehungen bringen, sagen einem, wie man die Objekte zählen (im Sinne von Rechnen) muss. Man war sich zumindest darin einig, dass man nichts kennt, das wahrer als Mathematik ist. Warum das so ist und warum die Natur scheinbar mathematischen Gesetzen gehorcht, bleibt bis heute ein großes Rätzel bzw. ein erkenntnistheoretisch hausgemachtes Problem der Begriffsbildung. Die Menschen erfinden das juristische Gesetz und das Gleichheitsprinzip und Denken die Natur auch in Gesetzen, die immer gleich sind. Die Menschen erfinden die Mathematik mit seinen Operatoren und Zeichen und denken alles als Funktion und Objekte, wie eben in der Mathematik.

Viele Jahre nach Newton hörte auf einmal die Mathematik auf, mit der Physik Händchen zu halten. Gauß hielt noch seine Untersuchungen zur nichteuklidischen Geometrie (also andere Räume als den Dreidimensionalen, in denen wir üblicherweise ‚Raum‘ denken), zurück. Hilbert verabschiedete sich dann mit einem riesen Paukenschlag davon, dass Mathematik nur eine Konkretisierung der Physik sei und es auch weitere Räume als den Euklidische gibt. Geben im Sinne dessen, was man richtig denken kann. Einstein zeigte in der allgemeinen Relativitätstheorie dann später, dass unsere Wirklichkeit in Wahrheit nur in unserem beschaulichen Grenzfall euklidisch ist, also nicht in der Nähe von großen Massen und nicht in der Nähe von großen Geschwindigkeiten. Einstein modellierte sein Gesetz einerseits über die mathematischen Notwendigkeiten innerhalb einer nichteuklidischen Geometrie mit einer Tensoralgebra und prüfte, ob das gewünschte Resultat dabei herauskam. Auch Galilei modellierte sein Fallgesetz nach dem einfachsten Prinzip, das er finden konnte. Wenn sich etwas ändert, ist anzunehmen, dass es nach dem einfachsten Prinzip vonstatten geht: Gleiche Änderung bei gleichen Zeitabständen. Auch dies ist natürlich nur die Lösung für den beschaulichen Grenzfall einer Planetenoberfläche.

Der Modellbegriff ersetzte bald die Idee des physikalischen Naturgesetzes. Verantwortlich hierfür war Friedrich Hertz. Er beschäftige sich erstmals mit dem Problem, dass sich die klassische Mechanik auf verschiedene Prinzipien ableiten lässt, die letztlich alle zum gleichen Ergebnis führen. Newtons Bewegungsgleichung, das Prinzip der kleinsten bzw. stationären Wirkung, der Lagrange Formalismus und schließlich seine eigens entwickelte, rein auf Geometrie gestützte, Mechanik.

Er schlussfolgerte aus der Äquivalenz der Ansätze, dass die Ära der physikalischen Gesetze beendet sein.

Solange keine Weltformel gefunden ist, beschreiben diese Konstrukte, er nannte sie Abbilder, immer nur einen unvollständigen Teil der Wirklichkeit. Die Natur funktioniert nicht nach Naturgesetzen, sondern Naturgesetze beschreiben lediglich auf mathematische Weise das Verhalten der Natur. Und dafür gibt es mehrere Ausgangsüberlegungen, die alle mathematisch gesehen zum gleichen, richtigen Ergebnis führen. Mathematik ist wahr und die Natur ist wahr. Sie teilen sich also lediglich dieses erkenntnistheoretische Kriterium, mehr nicht. Wir können feststellen, dass die Wahrheit kodierbar und transformierbar ist, aber keineswegs einzigartig. Auf Hertz geht die Idee zurück, das ein physikalisches Gesetz nur ein mathematisches Modell ist, dass sich jedoch dadurch auszeichnet, dass es wahr ist, also zutreffende und erfolgreiche Prognosen in seinen Grenzen liefern kann.

Im Nachhinein kann man diese Naturgesetz-Idee als naiv sehen. Der Begriff und das Denken in Gesetzmäßigkeiten kommt seit je her von der juristischen Erfindung des Gesetzes inkl. der Schrift in der Frühantike. Von daher war es vielleicht von vorneherein ungünstig, irgendetwas als Gesetzgeber der Natur zu denken, aber aus religiösen Gründen war das vielleicht auch einfach zu nahe liegend. Aber die Idee mit dem Modell scheint nur auf den ersten Blick als besser. Sie erweist sich als genau so naiv.

Phase 6

Zum Abschluss kommt nun die Moral der Geschichte.

Eins lehrt die Geschichte. Es bleibt wahrscheinlich ein ewiges hin und her des Pendels zwischen Funktion und Ding. Mit der Entdeckung der Atome und Moleküle dominierte eine zeit lang das Ding-Denken die Welt, denn Ingenieure erkannten, dass man mit den physikalischen Gesetzen Metall zum Fliegen bringen kann. Man sah in erster Linie das Flugzeug als materielles Objekt und nicht das Fliegen als Funktion. Mit der digitalen Transformation schlägt das Pendel nun wieder gewaltig in die andere Richtung aus. Das geht einher mit einer Abkehr von physikalischen Modellen hin zu statistischen Modellen und logischen Datenstrukturen, um funktionale und nicht materielle Problem zu lösen. Die kausale Modellierung weicht der probabilistischen Modellierung.

Die Hertz’sche Vorstellung, dass ein Modell ein mathematisches Konstrukt sein, um die Wirklichkeit abzubilden bzw. zu simulieren, wirkt anno heute ebenfalls antiquiert. Wenn ein autonomes Fahrzeug nichts anderes anders als ein hochintegriertes Modell ist, dann wird man bei Fehlfunktion von einem immateriellen Modell angefahren, nicht von dem Blech. Reden wir also bald wieder von Geistern?

Man muss sich ja vorstellen, dass der Mittelalter-Kerl denken muss, wir würden heutzutage Seelen erschaffen und als Sklaven in kleine Chips sperren.

Ein Modell als Abbild einer Wirklichkeit (als Scheinbild, Gedankenkonstrukt oder Simulation, wie Hertz es sah) zu sehen, entbehrt dem Technologieverständnis in der Digitalen Transformation. Es ist ein Modell, das wirklich und nicht nur virtuell durch die Gegend fährt. Hertz konnte sich noch nicht vorstellen, wie Modelle real sein können. Es ging ihm um die Gleichungen in den Köpfen der Menschen, die sie maximal auf Papier schreiben konnten. Es gab noch keine Computer. Das diese Funktionen in Form von Algorithmen in Hardware realisiert werden, war für ihn noch nicht vorstellbar.

In der digitalen Transformation transformieren sich die von Ingenieuren allzu gut verstandenen Bedeutung von Begriffen zunehmend. Daten, Modelle, Signale, Netze, Topologie etc. lösen Begriffe wie innere Physik, Statistik, Logik ab, die früher einmal Magie, Wunder und Gott abgelöst haben. Wie auch schon die Quantenmechanik ist hier eine Abkehr vom Deterministischen hin zu einer unscharfen Wahrnehmung von Beschreibungen auszumachen. Diese Modelle sind paradoxerweise viel präziser in der Prognose als es eine deterministische Herangehensweise ermöglicht.

Aus philosophischer und historischer Sicht ist es nur eine weitere Transformation des Denkens, wie wir die Welt sehen. Letztlich werden immer nur Produkte für die Welt erschaffen, sowie wie wir sie sehen und diese Produkte ändern dann die Sicht auf die Welt.

Dann würde man eine bedächtige Pause machen, dem Mittelalter-Kerl tief in die Augen schauen und sagen:

In ein paar Jahren sind wir die Mittelalter-Kerle, denen man Magie entzaubern muss.

Ja, ich denke, so könnte das mit der Erklärung funktionieren…

Wie man einem Menschen aus dem Mittelalter erklärt, wie man Metall zum Fliegen bringt.
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