The Babel tower, abstract image with characters. Gesellschaft

Der Projektmananger in der Softwareentwicklung heißt jetzt Scrum Master. Der Teamleiter heißt jetzt Product Owner. Das Team heißt aber immer noch Team. Also alles beim Alten, nur dass der Scrum Master zum Orga-Hansel degradiert wurde und der Teamleiter nicht mehr ist als der Punching Ball zwischen dem nerdigen und hippen Team auf der einen Seite und den verkrusteten und konservativen Stakeholdern auf der anderen? Und das alles nur, damit das Team sein ganzes Potential entfalten kann, wovon natürlich auch die Stakeholder profitieren würden?

Stakeholder, ein Begriff für irgendwen oder irgendwas, der, die, das nun das Sagen hat. In der Softwareentwicklung ist es ja häufig nicht so offensichtlich, wer am Ende die Gehälter bezahlt und es gilt auch als sehr unschick, in Begriffen wie Chef und Leiter zu sprechen. Man kann inzwischen auch nicht mehr ausschließen, dass hinter der Beauftragung eine künstliche Intelligenz mit prall gefüllten Bitcoin Portemonnaie steckt. Ist ja auch egal, nennen wir jede übergeordnete Instanz, der man nicht zu widersprechen hat, deshalb einfach Stakeholder, da liegt man nie falsch.
Wenn man den Stakeholder einmal außen vor lässt, sind bei Scrum nun alle Team! Im Team gibt es allerdings verschiedene Rolle neben der fachlichen Spezialisierung. Aber letztlich ziehen alle an einen Strang und wollen das bestmögliche Produkt für den Stakeholder.

Aber wer koordiniert und organisiert denn das Team, könnte der Uneingeweihte fragen, denn ihm schwirrt vielleicht im Hinterkopf, dass ein durchorganisiertes Management immer schon besser war, als den Experten einfach freie Hand zu lassen? Und das ist dann die Steilvorlage für jede Beratungsfirma, die Scrum vermarktet. Mit einem breiten Grinsen wird Ihnen verkündet, dass es keine Organisation mehr bedarf, da sich das Team durch das Scrum Framework selbst organisiert. Ta da! Das Zauberwort lautet Mikro-Organisation! Jeden Morgen im Kleinen per Daily Scrum  und alle zwei bis vier Wochen nach einem Sprint im Großen. Scrum ist prinzipiell eine gute Idee. Denn seien wir mal ehrlich: Die Vorstellung, man könnte ein Produkt im Vorwege komplett definieren und am Ende der Planung und Entwicklung begeistert dann genau dieses Produkt den Stakeholder pünktlich liefern, ist doch sehr naiv. Warum also nicht das Produkt häppchenweise, sprich inkrementell, in mehreren Sprints fertig stellen, zu denen man jeweils direkt von den Stakeholdern Feedback bekommt. Also Feedback, bevor man nicht gewollten und nicht funktionierenden Kram verzapft, obwohl der vielleicht vertraglich genau so festgehalten wurde, der am Ende aber keinem gefällt und den auch keiner braucht. Mehrere Sprints mit Kraft und Leidenschaft, statt einem Marathon mit Planung und Ausdauer. Das ist Grundidee von Agilität in der Entwicklung und Scrum ist ein Versuch, diese Idee zu Leben.

Das mag ja durchaus für Nachwuchs funktionieren, der gerade erst das Hardwareanhängsel ihres virtuellen Zuhauses aus dem Bereich der elterlichen Wohnung in die eigenen vier WG-Wände verlegen und sich statt in WoW ins reale Arbeitsleben einloggen. Ist das aber auch ein guter Ansatz für gestandene Unternehmen, die Produktentwicklung abseits von hippen Apps betreiben? Kann man mit Scrum z.B. auch Autos entwickeln?
Wie wäre es also, wenn das Scrum Team zunächst einmal die Reifen, den Sitz und das Lenkrad an eine provisorische Pappkiste montiert und dem Vorstand, pardon, dem Stakeholder, präsentiert? Dann könnte dieser sich dazu schon einmal äußern, bevor das Team fleißig weiter macht. Und wenn dem Vorstand, pardon, dem Stakeholder, irgendetwas nicht gefällt und er freundliches Feedback gibt, dann kann das Team an den eigenen Fehlern lernen und sich in Folge besser organisieren. Nach dem nächsten Sprint wird dann das Armaturenbrett und das Getriebe an die Pappkiste befestigt, bis das Fahrzeug fertig ist.

Lassen wir einmal außer acht, dass sich Werkzeuge und Produktionsanlagen für die genannten Teile nicht innerhalb eines Monats von Sprint zu Sprint in Betrieb nehmen lassen und dass man mehr als ein Fahrzeug braucht, dass sich nicht auf Knopfdruck kopieren lässt. Das ist sicherlich nur eine Nebensächlichkeit, ein kleines technisches Detail. Lassen wir auch einmal außer Acht, dass es neben verschiedenen Softwarespezialisten, die letztlich alle irgendwie Programmierer und Designer sind, für die Entwicklung und Produktion von echter Hardware noch die eine oder andere Disziplin mehr gibt. Zudem sollten wir der einfachheitshalber auch außer Acht lassen, dass ein Entwicklungsteam für ein Auto die maximale Anzahl von 9 Personen für ein optimales Scrum Team leicht übersteigt.

Dann ist Scrum wirklich super, denn es macht den kritischen Vorstand einer Aktiengesellschaft, die per Gesetz zum erfolgreichen und langfristigen Wirtschaften verordnet ist, zum freundlichen Stakeholder, zum smarten Start Up Investor, der eh genug Geld hat und ein weiteres Produkt für die Weltverbesserung umsonst auf den Markt bringen möchte. Wie herrlich, der echten Entwicklungsarbeit und dem funktionierenden Produkt wird mehr Wertschätzung entgegengebracht, als strategischen, langfristigen Entscheidungen. Wer kann schon etwas gegen die Entmachtung von Karrieristen haben, die ihre persönliche Karriere und firmenpolitische Interessen mehr im Sinn haben, als die Entwicklung des Produkts? Niemand, denn es geht heutzutage nicht mehr um die Entwicklung der Firma, es geht einzig und alleine um die Entwicklung eines fantastischen Produkts für den Stakeholder.

Bist du noch Scrum oder schon Stakeholder?
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